Integrationschancen für junge Menschen mit Einwanderungsgeschichte fördern

„Gemeinsam klappt‘s“ - bestimmt besser!

Es gibt landesweit eine große Anzahl von jungen, geduldeten Geflüchteten zwischen 18 und 27 Jahren, die keine gesicherte Bleibeperspektive in Deutschland haben. Ihnen fehlen Zugänge zum Arbeitsmarkt, zu Qualifizierungsmöglichkeiten oder insgesamt zur gesellschaftlichen Teilhabe. Um die Integrationschancen dieser jungen Menschen zu verbessern, hat das Land Nordrhein-Westfalen die Initiative „Gemeinsam klappt‘s“ ins Leben gerufen. Ziel der Initiative ist es, den Menschen Hilfe und Förderung bei der Entwicklung von Perspektiven im schulischen, beruflichen, persönlichen und  auch im gesellschaftlichen Leben anzubieten.

Neben der Stadt Rheine beteiligen sich mehr als 80 Prozent der kreisfreien und kreisangehörigen Städte sowie Kreise in NRW.

Konkrete Unterstützung erfahren die jungen Geflüchteten durch das Teilhabemanagement der Initiative. Teilhabemanagement heißt individuelle Beratung, Erfassen der persönlichen Lebenssituation, Erarbeitung einer Perspektive und Einleiten konkreter Schritte. Dabei kann es um schulische, berufliche, aber auch persönliche Belange gehen. Diese Aufgabe hat Martina Sendtko vom Team Beratung und Begleitung von Zuwanderern der Stadt Rheine übernommen.

Ein wichtiger Förderbedarf besteht weiterhin im sprachlichen Bereich. „Hier geht es nach wie vor noch um den Erwerb von Sprachkompetenzen“, erklärt Sendtko, „ es braucht neben Angeboten für die „ alltagstaugliche“ Kommunikation auch Angebote, die eine  berufsspezifische Sprachförderung beinhalten.“ Einige der jungen Erwachsenen haben Lehrstellen und nehmen jede zusätzliche Hilfe an, die sie bekommen können.

Weitere Themen in den Beratungsgesprächen sind etwa beengte Wohnsituationen, geringe Einkommen, Einsamkeit und soziale Isolation (verschärft durch die Coronasituation), Flüchtlingstraumata und Zukunftsängste.

Ein weiterer Baustein der Initiative, der vom Kommunalen Integrationszentrum des Kreises Steinfurt koordiniert wird, ist das individuelle Coaching der jungen Menschen. Das bedeutet eine niederschwellige Betreuung, um die berufliche Teilhabe zu verbessern oder erst einmal zu aktivieren.

In Rheine hat der Träger Lernen Fördern mit Angelika Albers und Christian Kammering als Coaches den Auftrag übernommen. Einzelne mit einem besonderen Bedarf im persönlichen oder beruflichen Bereich werden intensiv und kleinschrittig unterstützt. „Da organisiert man dann auch schon mal eine Kindergartenanmeldung“,  führt Albers aus. „Oder informiert und hilft bei einer fristgerechten Antragstellung von Hilfen“,  ergänzt Kammering.

Der Träger Lernen fördern bietet Angebote zur Berufsvorbereitung und Hilfen in der betrieblichen Ausbildung, ferner gehört zu seinem Aufgabenbereich die Erarbeitung von Integrationsplänen, Anerkennung von ausländischen Bildungsabschlüssen, Einbindung von Paten, kulturelle und soziale Trainings.

Die Zusammenarbeit zwischen den Coaches von Lernen fördern und der Stadt Rheine ist gut abgesprochen. Um eine Doppelbetreuung zu vermeiden und um Hilfen aufbauend einrichten zu können,  treffen sich Albers, Kammering und Sendtko monatlich zu Reflektionsgesprächen und weiteren Absprachen, wegen der Coronapandemie zurzeit per Videokonferenz.

Foto: v.l. Martina Sendtko (Stadt Rheine), Christian Kammering und Angelika Albers (Lernen fördern)

Das Beispiel der Familie Amiri

Saira und Mohammad Amiri sind ein Ehepaar aus Afghanistan, das mit seinen zwei Kindern seit 2016 in Rheine lebt. Beide nehmen an der Initiative  „Gemeinsam klappt`s“ teil. Als Teilhabemanagerin der Stadt Rheine hat Martina Sendtko sie in das Programm aufgenommen, bespricht mit ihnen Unterstützungsangebote und Maßnahmen und koordiniert die Hilfen.

Saira und Mohammad Amiri sind sehr aktiv, sie möchten in Deutschland Fuß fassen, Deutsch lernen, einen Beruf erlernen und ihren Kindern eine gute Schulausbildung ermöglichen.

Mohammad Amiri hat durch die Agentur für Arbeit und mit tatkräftiger Unterstützung einer Familienpatin einen Ausbildungsplatz als Fliesenleger in Emsdetten bekommen. Er hatte in der Firma ein Praktikum machen können und der Firmenchef war sehr angetan von seiner Motivation, seiner Disziplin und seinem handwerklichen Geschick. Um das große Ziel, eine abgeschlossen Berufsausbildung, zu erreichen, um dann als Geselle arbeiten zu können, müssen viele kleine Etappen bewältigt werden.

So muss Mohammad Amiri die sprachliche Kompetenz erwerben, um am Arbeitsplatz wie auch in der Berufsschule bestehen zu können. Er wird in einigen Wochen den B1-Abschluss machen. Gelingt das, hat er ein wichtiges Ziel erreicht. „Ich muss die Sprache können“, sagt er, „am Arbeitsplatz klappt das schon ganz gut. Ich bekomme auch viel Unterstützung“.

So hat der Verein: WelCome In! Rheine e.V.  eine individuelle Lernförderung für Herrn Amiri einrichten können, um ihn gezielt für die Prüfung fit zu machen.

Mohammad Amiri, der in einer anderen Sprache (Paschtu) alphabetisiert wurde, bemüht sich seit seiner Einreise 2016 intensiv, Deutsch zu lernen und träumt davon, nach bestandener Ausbildungsprüfung seine Familie selbständig unterhalten zu können.

Ein weiterer Baustein ist das Coaching durch den Träger Lernen fördern. Hier werden beide Ehepartner unabhängig voneinander persönlich unterstützt. Herr Amiri bekommt Nachhilfe in der „theoretischen Praxis“, denn Fliesenleger müssen Mathe, Chemie etc. können und müssen die berufsspezifische Sprache verstehen. Aber leider macht Corona hier persönliche Übungsstunden unmöglich, so wird Herr Amiri momentan mit Arbeitsblättern versorgt, die er zuhause durcharbeitet und die telefonisch besprochen werden.

Saira Amiri hat einen Integrationskurs belegt und ist stolz, dass sie den A2- Abschluss erreicht hat. Das nächste Ziel ist der B1-Abschluss, also der bestandene Integrationskurs. „Ich bin sehr glücklich, dass ich hier in Deutschland lernen darf. Das durfte ich in meinem Heimatland nicht“, sagt Frau Amiri und strahlt. Und nach der geschafften Prüfung: Wer weiß, welche Ausbildung für sie dann die richtige ist.

Das Ehepaar denkt sehr gleichberechtigt. Und beide sind ein bisschen neidisch auf ihre beiden Söhne, die so unkompliziert und selbstverständlich durch Schule und Kita Deutsch lernen. Für sie und für ganz viele andere junge Geflüchtete ist die Initiative des Landes eine gute Chance auf eine Perspektive in Deutschland.

Foto 2: Eheleute Saira und Mohammad Amiri mit ihren Kindern