Ein Blick in die ebenfalls von Corona betroffenen Partnerstädte

Wie gehen unsere Freunde in Bernburg, Borne, Leiria und Trakai mit der Krise um? Auch dort sind Angst und Sorge zu spüren. Lesen Sie nachfolgend den gesamten, von Reiner Wellmann am 6. April in der MV veröffentlichten Artikel.

RHEINE. Die Corona-Pandemie diktiert das Geschehen in der Welt – und natürlich auch in den europäischen Partnerstädten der Stadt Rheine. Gemeinsame Veranstaltungen wurden bis Mitte des Jahres verschoben – oder auch ganz gestrichen. So wird es in diesem Jahr keinen Austausch von Jugendbotschaftern mit Trakai geben. Aber wie treffen die Einschränkungen die Menschen in den Partnerstädten? Wie ist dort die Stimmung? Der Städtepartnerschaftsverein der Stadt Rheine hat sich einmal umgehört – und interessante Antworten erhalten.

„Die ganze Situation hier ist ziemlich gespenstisch. Die Leute werden von der Polizei angehalten und dürfen nicht zu zweit im Auto sitzen“, schildert Lisette Pereira aus Leiria die Situation. Die Lehrerin organisiert jedes Jahr den Jugendaustausch mit der Stadt Rheine. Viele alte Menschen gingen aus Angst gar nicht mehr aus dem Haus und ließen sich Lebensmittel bringen. Aber viele Freiwillige haben ihre Hilfe angeboten, älteren und auch kranken Menschen Lebensmittel zu bringen. „Einige organisieren Fitnessaktionen oder Zumba-Tanz auf den Balkonen. Man versucht, das Leben irgendwie lebenswert zu machen. Aber die Angst besteht, entweder sich zu infizieren oder andere, ohne es zu wissen“, schildert Lisette Pereira.

In Leiria selbst gibt es aktuell nur noch ein Top-Thema: Die Stadt hat ein Hilfeersuchen an die chinesische Partnerstadt Shantou gerichtet. Und von dort kam vor wenigen Tagen die Antwort: Shantou hat eine Hilfssendung mit 50 000 Schutzmasken und 200 Schutzanzügen in Richtung Leiria losgeschickt. Und dort ist man beeindruckt! Bürgermeister Gonçalo Lopes sagte: „Wir sind äußerst dankbar für diese Hilfe. Dies ist ein klares Beispiel dafür, wie wichtig es ist, Freundschaftsbeziehungen zu ausländischen Gemeinschaften aufzubauen. In den schwierigsten Zeiten vereinen sich die Menschen und beweisen, dass die humanitären Ebenen wirklich universell sind“.

Auf der Facebook-Seite der Stadt Leiria wird die Hilfe aus China aber durchaus auch kontrovers diskutiert. Vielfach heißt es in den Kommentaren „Obrigada“ (Danke). Aber es gibt auch kritische Stimmen: „Die Chinesen sind so süß. Zuerst schleppen sie einen Corvid 19 um die ganze Welt. Und jetzt schicken sie Hilfsmaterial“, schreibt ein Bürger aus Leiria. Und andere warnen zur Vorsicht.

 

Auch in Trakai sind alle Einrichtungen geschlossen. „In den Mehrfamilienhäusern und Hochhäusern dürfen die Menschen das Haus nach 22 Uhr nicht mehr verlassen. Die Treppenhäuser werden desinfinfiziert. Es wird empfohlen, Schutzmasken und Gumminhandschuhe zu tragen, was viele auch tun“, berichtet Nijole Miškinyte. Die Lehrerin war seit Anfang der 90er Jahre in der Städtepartnerschaft mit Litauens alter Haupstadt aktiv. Auch heute noch leistet sie als Dolmetscherin und Mitglied im Städtepartnerschaftskomitee wertvolle Dienste. Anfang der Woche begann in Litauen in den Schulen das digitale Lernen. Das funktioniere aber nicht überall. „Viele haben noch keinen Computer, vor allem die sozial schwachen Familien. Das Internet ist schon sehr belastet. Und es gibt Probleme, wenn drei oder mehr Kinder in den Familien sind und man nur einen PC hat“, schildert Miškinyte die Situation.

Die Straßen in Trakai sind vor allem am Wochenende leer. Keine Veranstaltungen, Fitnessstudios und auch Beauty-Salons sind geschlossen. Miškinyte selber fährt nach Vilnius zum Einkaufen, weil in dem kleinen Einkaufszentrum in der Nähe ihrer Wohnung die Abstände nicht eingehalten werden und die meisten Menschen sich auch nicht schützen. „Das Thema Coronavirus beschäftigt uns vom frühen Morgen bis zum späten Abend. Die meisten Menschen akzeptieren auch die Schutzmaßnahmen. In der Wirtschaft werden schon Arbeitsplätze reduziert. Angst und Sorge um die Zukunft kann man schon spüren“, schreibt Nijole Miškinyte.

 

Eine große Welle der Hilfsbereitschaft konstatiert in Borne Martin Tijhuis, Vorsitzender des Städtepartnerschaftsvereins. „Es gibt viele Initiativen, auch in den Nachbarschaften“, sagte Tijhuis. Lebemsmittelmärkte, und manchmal auch Restaurants, geben Speisen gratis an Leute, die es brauchen. Andere Betriebe machen Gesichtsmasken; Schulen, Kirchen, Vereine gehen online und unterstützen jeden, der anruft. Freiwillige und ihre Vereine helfen Menschen, wo es möglich ist, mit Einkäufen, den Hund spazieren führen usw. Apotheken und Unternehmen liefern Waren nach Hause. Die „Noaberschap“ ist wie immer hier groß, so Tijhuis weiter.

Wer erkältet ist, darf in Holland das Haus überhaupt nicht mehr verlassen. Ferner sollen über 70 Jahre alte Menschen nicht mehr besucht werden. „Bleibt zu Hause, empfangt so wenige Besucher wie möglich“, lautet die Devise im westlichen Nachbarland. Bis zum 28. April sind alle Veranstaltungen in Borne abgesagt. Auch das bei vielen Rheinensern sehr beliebte „Borne op zijn Best“ wurde abgesagt. Die Veranstaltungen zum „Tag der Befreiung“ Anfang Mai können nicht wie geplant stattfinden. Aber es wird nach Angaben von Tijhuis noch überlegt, was noch möglich bleibt und verantwortbar ist.

Einschränkungen beim Camping sind – in den Niederlanden verständlich – ein großes Thema. Da aber gemeinsame Sanitäreinrichtungen vorerst geschlossen bleiben müssen, werden die Wohnwagen zumindest im ersten Halbjahr wohl zu Hause bleiben müssen. Ob man überhaupt im Sommer noch in Urlaub gehen kann ist fraglich. „Viel wichtiger ist natürlich, dass jeder gesund bleibt und seinen Arbeitsplatz behalten kann. Denn die Wirtschaft wieder auf die Beine zu bringen wird unsere nächste gemeinsame ganz große Aufgabe werden“, betont Martin Tijhuis.

 

In Bernburg ist das öffentliche Leben ähnlich beeinträchtigt wie in Rheine. „Der Trend von Veranstaltungsabsagen und das Schließen von öffentlichen Einrichtungen gehen weiter“, berichtet Uwe Hennig aus der Stadtverwaltung. Die Bernburger Freizeit GmbH hat alle Einrichtungen geschlossen“ von der Fähre „Saale-Fee“ über die Schwimmhalle, Parkeisenbahn oder die Aussicht Keßlerturm. „Wir haben schon einige Krisen überlebt“, sagt Thomas Gruschka, Geschäftsführer der Freizeit-GmbH, und er verweist auf das Saalehochwasser im Jahr 2013 – „aber so etwas war noch nie da“. Die sehr moderne und erst zwei Jahre alt öffentliche WC-Anlage auf dem Karlsplatz wurde zuletzt aus Sicherheitsgründen geschlossen. Immerhin findet der beliebte Wochenmarkt – wie in Rheine – noch statt. In Leipzig wurden Ende März alle Wochenmärkte geschlossen. Ein Schwerpunkt ist die Hilfe für die Wirtschaft. Beim Landkreis haben sich bislang 500 kleinere Unternehmen aus dem Altkreis Bernburg gemeldet, die bereits einen Umsatzausfall von zwei Millionen Euro pro Woche beklagen. Der Alltag sei merklich entschleunigt, viel weniger Menschen seien unterwegs, heißt es aus der Partnerstadt in Sachsen-Anhalt abschließend.